Manipulation funktioniert ab dem Moment nicht mehr, in dem sie erkannt wird
03. Okt 2026
Vom 25. bis 27. September 2026 trafen sich die Mitglieder der Katholischen Friedensbewegung pax christi, Diözesanverband Freiburg, zu ihrer jährlichen Diözesanversammlung im Haus Maria Lindenberg bei St. Peter im Schwarzwald. Drei Tage lang – so das Motto der Einladung – ging es darum, sich als „für den Frieden Engagierte regelmäßig miteinander zu verbinden", Ideen und Kooperationen zu entwickeln und Orte und Zeiten zu gestalten, „an denen Haltung und Ziele unserer Bewegung erlebbar werden".
Ein starker Gast zu einem brisanten Thema
Zum Studienteil am Samstag konnte der Diözesanverband Stephanie Doetzer gewinnen – Kunsttherapeutin und ehemalige Journalistin, die Politikwissenschaft studierte und für SWR, DLF, die FAS und Al Jazeera arbeitete, mehrfach ausgezeichnet (darunter als „CNN Journalist of the Year"), und die dann aus dem Journalismus ausstieg. Mit ihr ging die Versammlung der Frage nach, wie aus Weltgeschehen Nachrichten werden, wie Krieg in den Medien dargestellt wird – und wie politisch interessierte Mediennutzer:innen mit Ohnmacht und Wut, mit der Frage „wem kann man vertrauen?" und mit dem Anspruch umgehen können, „den Verstand inmitten von Fake News und Propaganda zu behalten".
Die Kernthese des Workshops
Eine Erkenntnis zog sich durch den gesamten Studienteil: „Manipulation funktioniert ab dem Moment nicht mehr, in dem sie erkannt wird!" Wer die Muster der Kriegsdarstellung und Kriegssprache erkennt, entzieht ihnen ihre Wirkung. Ergänzend die zweite Leitzeile: „Das echte Leben ist Ihre beste Quelle!" – Berichterstattung soll nicht nur konsumiert, sondern mit eigenen Erfahrungen und mit der Vielfalt realer Menschen abgeglichen werden.
Anhand der Berichterstattung über den Nahost-Konflikt analysierte die Runde typische PR-Formulierungen: „unsere Werte", „regelbasierte Ordnung", „Spezialoperation", „Verantwortung" und „Friedenssicherung". Sprechblasen von „Wir" und „Sie" machten deutlich, wie Berichterstattung Gruppen konstruiert: Wer als „wir" und wer als „sie" erscheint, ist nie neutral.
Prüffragen statthilfloses Konsumierens
Aus dem Workshop entstand ein handfestes Raster für den Alltag: Wo beginnt die Erzählung? (Der Anfangspunkt entscheidet, wer als Angreifer:in und wer als Opfer erscheint.) Werden unterschiedliche Stimmen gezeigt? Gibt es Widersprüche, klare Definitionen, einen Blick auf Lösungen? Und nicht zuletzt: Macht die Berichterstattung Druck? Empörung, Dringlichkeit, Stellungszwang zu erzeugen, sei ein typisches Propagandamittel. Auch mahnte Doetzer: „Nicht zwischen Tür und Angel schnell noch was nachschauen" – Nachrichten mit Ruhe prüfen statt beiläufig zu konsumieren. Denn: „Jede Nachricht ist eine Geschichte. Hinter jeder Geschichte steht ein Interesse. Jeder hört in einer Geschichte seine eigene Geschichte."
Systematisch wurden die klassischen Muster der Kriegspropaganda herausgearbeitet – von „Die Anderen haben angefangen!" über „Unser Feind trägt dämonische Züge" und „Wir sind die Guten" bis zu „Wer daran zweifelt, hilft dem Feind". Als geistige Paten dienten Victor Klemperers „LTI", Jacques Elluls „Propaganda" und Anne Morellis „Die Prinzipien der Kriegspropaganda". Klemperers Analyse der Sprache des Nationalsozialismus zeige: Wörter prägen Denken und Handeln, lange bevor Gewalt sichtbar wird.
Am schwersten wogen die ethischen Grundfragen: „Sich selbst eingestehen, dass man belügbar ist." Und: „Sind alle Menschenleben gleich viel wert?" – eine Frage, die in der Medienpraxis durch Opferbilder und Sprachwahl längst implizit beantwortet wird. Dazu die Aufforderung, sich aus inneren Opferrollen und Identitätsschubladen herauszuarbeiten und der eigenen Sympathien und Antipathien bewusst zu werden. Auch ein nüchterner Befund: „Mit Konflikten lässt sich Geld verdienen" – Medien berichten von Eskalationen, nicht vom Alltag der Menschen.
Versammlung, Austausch, Feier
Neben dem Studienteil standen die klassischen Elemente der Mitgliederversammlung: Geistlicher Morgenimpuls, Finanz- und Tätigkeitsbericht, Aussprache und Entlastung – die erste Mitgliederversammlung des im Vorjahr neu gewählten Diözesanvorstands. Am Sonntag lud das Tagesordnungsthema „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens" zu Berichten über die Aktivitäten der Gruppen und Einzelpersonen ein, bevor in Kleingruppen Ideen und Projekte für das Jahr 2026/2027 gesammelt wurden. Am Freitagabend hatten „Dialogräume" zum Kennenlernen geführt, am Samstagabend sorgten Friedenslieder und Friedensgeschichten mit Birgit Worzalla-Lapp für den kulturellen Rahmen; zum Abschluss feierte die Versammlung einen Wort-Gottes-Dienst – teils mit eigener musikalischer Begleitung, wozu die Einladung ausdrücklich zum Mitbringen von Instrumenten ermuntert hatte.
Das Fazit
Kriegsdarstellung in Medien ist nie neutral: Framing, Gruppenbildung und Moralvokabeln steuern die Wahrnehmung. Aber – so die Mitnahme der Teilnehmer:innen – Analyse schützt, Selbstreflexion ist der Schlüssel zu einem gelassenen, urteilsfähigen Umgang, und Qualitätskriterien wie Bandbreite, Widersprüche und Lösungsblick bieten ein praktisches Raster für den täglichen Nachrichtenkonsum. Im besten Fall, so die Einladung, eröffnet der geschärfte Blick „Handlungsfähigkeit und eigene Friedensfähigkeit in einer friedlos gewordenen Welt".